Mehr als 20Jahre ist es her, dass die Leistung von Schülerinnen und Schülern zum ersten Mal international verglichen wurden. In Deutschland schnitten die Kinder beim Lesen, in Mathematik und Naturwissenschaften ungenügend ab. Zudem zeigte sich: Wer aus einem gebildeten, wohlhabenden Elternhaus stammt, hat bessere Bildungschancen als Kinder aus armen Familien.  

Trotz Bemühungen von Bund und Ländern hat sich der Zustand nicht wesentlich gebessert, wie der aktuelle Bericht Bildung auf einen Blick 2024 der OECD, einem Zusammenschluss reicher westlicher Länder, zeigt.   

Aus dem Papier geht hervor, dass die Schwierigkeiten bereits im Kleinkindesalter beginnen und sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzen. Dem Bericht zufolge nehmen in Deutschland Kinder aus Familien im unteren Einkommensbereich seltener frühkindliche Betreuungsangebote wahr als Kinder aus wohlhabenden Familien. Daran hat sich nichts geändert, obwohl Deutschland die Ausgaben für die frühkindliche Bildung zwischen 2015 und 2021 um 41 Prozent erhöht hat und sie sogar über dem OECD-Durchschnitt liegen.

Der Bericht zeigt erneut den bestehenden Mangel an Lehrpersonal in allgemeinbildenden Schulen über alle Fächer hinweg. Eine genaue Zahl kann niemand nennen. Schätzungen der Kultusministerkonferenz zufolge fehlen bis 2035 rund 68.000 Lehrkäfte, der Bildungsforscher Klaus Klemm geht von mehr 72.000 aus.  Größere Klassen, Unterrichtsausfall und überforderte Pädagogen, die oftmals mehr unterrichten müssen als vorgesehen, sind das Resultat. Erst im vergangenen Schuljahr haben allein in Berlin über 2.500 Lehrekräfte dem Schuldienst verlassen.

Der Mangel an Lehrpersonal hat Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen in den Schulen hierzulande. So gehört Deutschland zu den vier OECD-Ländern, in denen der Anteil junger Erwachsener ohne Abschluss zwischen 2016 und 2023 sogar gestiegen ist. Obwohl Deutschland eines der Länder ist, das verstärkt in seine Bildung investiert, liegt diese Schulabbrecherquote zwei Prozent über dem OECD-Durchschnitt von 14 Prozent. Dabei ist auffällig, dass über die Jahre mehr junge Männer die Schule ohne einen solchen Abschluss verlassen, haben als Frauen. So hatten 2023 18 Prozent der jungen Männer keinen entsprechenden Abschluss, bei den jungen Frauen waren es nur 15 Prozent. 2016 hatte dem Bericht zufolge noch kein Unterschied zwischen den Geschlechtern bestanden.

Und diesen jungen Erwachsenen drohen nach der Schulzeit schlechte Arbeitsbedingungen und schlechte Löhne, so der Befund. Fast die Hälfte der Schulabbrecher zwischen 25 und 64 Jahren verdient lediglich die Hälfte des mittleren Einkommens von 44.407 Euro. Eine Datenanalyse von ZEIT ONLINE etwa zeigt, dass insbesondere Menschen mit Einwanderungsgeschichte hierzulande selten Führungskräfte sind oder akademische Berufe ausüben. So weisen sechs von zehn Angestellten in der Reinigungsbranche Migrationsgeschichte auf, in der Gastronomie oder bei der Postzustellung sind es mehr als 40 Prozent.

Die Ursachen für die Probleme im deutschen Bildungssystem sind lange bekannt. Ein Grund ist der Betreuungsnotstand, vor dem vor wenigen Wochen Forschende und Fachleute in einem offenen Brief warnten. Hinzu kommen die fehlenden Kita-Plätze, die sich den Hochrechnungen der Bertelsmann Stiftung zufolge im vergangenen Jahr auf 430.000 fast verdoppelt haben. Vorwiegend auf Kinder mit Einwanderungsgeschichte, deren Familien überproportional häufig armutsgefährdet sind, bekommen keinen Betreuungsplatz – obwohl genau diese Gruppe von einer frühen Betreuung am meisten profitieren würden, wie zahlreiche Studien belegen. Knapp 40 Prozent aller Familien, in denen zu Hause kein Deutsch gesprochen wird, gehen bei der Suche nach einem Kita-Platz leer aus. Das belegen Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung.

Das Startchancenprogramm soll zielgerichteter fördern

Seit Jahren ist die Schulabbrecherquote in Deutschland konstant hoch. Die Ursachen für einen Schulabbruch sind vielfältig und unterscheiden sich oft von Fall zu Fall. Sie reichen von psychischen Problemen wie Depression über familiäre Probleme bis hin zu Mobbing in der Schule. In der bisherigen Bildungspolitik wurde bisher wenig gegen die hohe Zahl der Schulabgänger unternommen. Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger setzt hierbei auf das Startchancen-Programm, das dieses Schuljahr gestartet ist und gezielt benachteiligte Kinder und Jugendliche fördern soll.

Eine Ursache für die Chancenungleicheit findet sich auch im aktuellen OECD-Bericht. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt liegt Deutschland mit seinem Bildungsbudget für die Schulen unter dem OECD-Durchschnitt. Der ehemalige Exportweltmeister investiere zu wenig in die Schulen, gebe zu wenig Geld für Bildung aus, konstatieren Gewerkschaften und Bildungsexperten seit Jahren. Zu diesem Ergebnis kommt auch der nationale Bildungsbericht, der erst kürzlich veröffentlicht wurde. 

Seit dem PISA-Schock seien die meisten bildungspolitischen Maßnahmen gescheitert, schlussfolgerte Bildungsforschers Prof. Olaf Köller bereits im Mai. Man wisse aus der Vielzahl an Studien eigentlich, was helfe. Jedoch gebe es ein Umsetzungsproblem in der Politik sowie finanzielle Gründe. Das betreffe auch die Finanzierung des Startchancen-Programms. 

Dennoch ist festzuhalten, dass eben dieses Programm, bei dem Gelder das erste Mal nicht nach dem üblichen Weg verteilt werden sollen, sondern nach sozialen Kriterien, die eine gezielte Förderung von armutsgefährdeten Kindern und Jugendlichen ermöglichen, ein Novum in der deutschen Bildungspolitik ist. Es könnte, wenn es gut umgesetzt wird, ein Vorbild für ähnliche Programme sein, um so mehr Chancengerechtigkeit im deutschen Bildungssystem zu gewährleisten.