2009 hat sich Deutschland mit der Ratifizierung der UN-BRK dazu verpflichtet, ein inklusives Schulsystem aufzubauen. Trotzdem ist Inklusive Bildung noch lange keine Realität in Deutschland. Hier berichten wir anhand einer Auswahl kommentierter Medienbeiträge jeden Monat, was in Deutschland zum Thema inklusive Bildung passiert.
/// Was war das für eine sympathische Aktion! Verhandlerinnen* von CDU und SPD, die gerade am Koalitionsvertrag für die neue Bundesregierung feilen, posten gemeinsam ein Foto mit unterschiedlichen Socken, als Zeichen der Solidarität zum Welt-Down-Syndrom-Tag. Als wenn sie nichts Wichtigeres zu tun hätten! Und dann auch noch gegen die strikten Regeln ihrer Parteiführungen, in denen es hieß: Kein Foto aus den Koalitionsverhandlungen, ohne Ausnahme! So wichtig sind den Vertreterinnen* der demnächst regierenden Parteien die Menschen mit Trisomie 21 und deren Belange! Dafür hagelte es Herzchen auf Instagram.
Es wäre eine arge Enttäuschung, wenn sich demnächst herausstellen sollte, dass diese Solidaritätsaktion aus den Bundes-Koalitionsverhandlungen heraus nicht nur symbolisch, sondern auch hohl wäre. Menschen mit Trisomie 21 leben immer noch am Rande der Gesellschaft. Sie brauchen inklusive Lern-, Arbeits- und Wohnmöglichkeiten und sie brauchen eine Bundesregierung, die dies mit wirksamen Maßnahmen voranbringt. Dazu gehört auch die Aufgabe, die Länderregierungen in die Pflicht zu nehmen, die den Aufbau der inklusiven Bildung vernachlässigen.
Medienschau März
Socken
///Unterschiedliche Socken zu posten, gehört inzwischen zu den Ritualen des Welt-Down-Syndrom-Tags am 21. März. Das prominenteste Foto in diesem Jahr kommt aus den Koalitionsverhandlungen für eine neue Bundesregierung, aus der Arbeitsgruppe Familien, Kinder, Jugend, Demokratie. Das ist ein schönes Zeichen und gibt Hoffnung, dass die Belange von Menschen mit Behinderung dieses Mal nicht vergessen werden.
Instagram
Jochen Ott, Ein "verbotenes" Foto aus den Koalitionsverhandlungen.
///Menschen mit Trisomie 21 brauchen für ein inklusives Leben mehr als Foto-Aktionen mit unterschiedlichen Socken. Und das gilt auch für alle anderen Menschen mit Behinderung. Davon sollen Politikerinnen* jetzt auf Initiative von Elternvereinen mit einer Brief- und Postkartenaktion erinnert werden. Socken anmalen und mitmachen! Hier geht´s zur Anleitung:
///Immerhin, ein einziges Mal kommt das Wort Inklusion in den Verhandlungsergebnissen der Socken-Poster-Arbeitsgruppe vor, ganz vorn bei den Bekenntnissen, nicht bei den konkreten Maßnahmebeschlüssen:
FragDenStaat
AG 7 Familie, Frauen, Jugend, Senioren und Demokratie
///In der Arbeitsgruppe Bildung dagegen war die inklusive Bildung gar kein Thema. Will auch die nächste Bundesregierung die Ergebnisse der Staatenprüfung durch den UN-Fachausschuss ignorieren?
///Fast gleichzeitig findet am 2. und 3. April in Berlin der Global Disability Summit statt, das Welt-Treffen für Politik für Menschen mit Behinderung. Ausrichter ist Deutschland, gemeinsam mit Jordanien. Es geht um Entwicklungszusammenarbeit: Die reichen Länder sollen den Armen helfen, inklusiver zu werden. So legt Deutschland Programme auf, um Jordanien beim Aufbau der inklusiven Bildung in den Schulen zu helfen. Jetzt reiben Sie sich verwundert die Augen?
Dann lesen Sie die Empfehlungen, die Delegationen von Selbstvertreterinnen* Anfang März für den Disability Summit formuliert haben. Die erste Empfehlung lautet wörtlich: „Address the inconsistency and hypocrisy in Europe’s promotion of human rights abroad…Lead by example in ending ableism, disability discrimination, and promoting equal rights both domestically and internationally.“ Das bedeutet auf Deutsch: Die Heuchelei beenden. Der globale Westen soll, bevor er anderen Ländern Ratschläge gibt, die UN-Behindertenrechtskonvention erstmal selbst umsetzen:
Bundesministerium für Arbeit und Soziales
European Disability Summit 2025: The Future of Disability-Inclusive International Cooperation and Humanitarian Action Across Europe and Central Asia
///Auch eine bemerkenswerte Parallelität: Während Berlin Gastgeber des World Disability Summits ist, hält die Stadt an den neuesten Plänen zum Bau zusätzlicher Sonderschulen fest. Das Deutsche Institut für Menschenrechte erklärt dies in deutlichen Worten als rechtswidrig:
Institut für Menschenrechte
Berlin muss konsequent Kurs auf schulische Inklusion nehmen
///Der CDU-Politiker Hubert Hüppe hat seinen Abschied vom Deutschen Bundestag genommen. Für das, was in Sachen Inklusion erreicht worden ist, zieht er eine bittere Bilanz: Inklusion sei nicht gescheitert, sondern strukturell verhindert worden. Auch von Akteuren, die aus Exklusion wirtschaftliche Vorteile ziehen:
kobinet Nachrichten
Ideologie der Aussonderung feiert überall ein Comeback und viele verdienen daran
///Schon seit Jahren zeigen die Statistiken: Immer mehr Schülerinnen* wird ein sonderpädagogischer Förderbedarf attestiert. Inzwischen sind die ersten Länder-Schulministerinnen* beunruhigt, wohin diese Entwicklung führen soll. Nordrhein-Westfalen hat im vorvergangenen Jahr Gutachter beauftragt, die Gründe herauszufinden. Zusätzlich ist Ende des vergangenen Jahres Bundesländerübergreifende Forschungsprojekt Feprax zu den Feststellungsverfahren beendet worden, an dem Forscher mehrerer Universitäten beteiligt waren. Hier geht´s zu den Ergebnissen:
///Wie sicher sind sonderpädagogische Diagnosen? Diese Frage aus der Feprax-Studie wird im Podcast „Inklusionsfragen“ behandelt. Die Forscherinnen* haben die Daten aus sonderpädagogischen Gutachten noch einmal durch eine KI-Anwendung beurteilen lassen. Ergebnis: Die KI legte aus den Daten der Schülerinnen* zuverlässig andere Förderschwerpunkte fest als zuvor Sonderpädagoginnen* entschieden hatten:
Inklusionsfragen - Die Podcastreihe des ZFIB
#14 Zwischen Feststellung und Förderung: Warum sich sonderpädagogische Förderung als unscharf erweist
///Aus den Ergebnissen der Feprax-Studie haben die Forscher bildungspolitische Empfehlungen abgeleitet. Interessant: Reformen an den Feststellungsverfahren halten sie offenbar nicht für erfolgversprechend:
Zentrum für Inklusionsforschung Berlin
Bildungspolitische Empfehlungen zur Feststellung der sonderpädagogischen Förderbedarfe in den Bundesländern
///Das Land Schleswig-Holstein will in Sachen Feststellungsverfahren einen ersten und durchaus radikalen Schritt gehen: Ob Kinder einen sonderpädagogischen Förderbedarf haben oder nicht, sollen in Zukunft Expertengremien begutachten und nicht mehr die Sonderpädagoginnen* vor Ort in den Schulen.
///In einem Forschungsprojekt namens INSIDE ist im Leibniz-Institut für Bildungsverläufe untersucht worden, wie es Schülerinnen* mit und ohne Behinderung in der inklusiven Schule geht. Ein Interview mit der Projektleiterin:
Deutschlandfunk
Wie gelingt Inklusion in und nach der Schule? Interview Amelie Labsch
///Bei der Lebenshilfe weiß man oft nicht, was man kriegt. Die Bundesvereinigung setzt sich vehement für inklusive Bildung ein. So mancher Landes- und Ortsverband vertritt das Gegenteil. Die Lebenshilfe Bayern fordert dauerhaft mehr Geld für Förderschulen. Ob das darin liegt, dass sie selbst Förderschulen betreibt?
EU - Schwerbehinderung
Lebenshilfe fordert mehr finanzielle Mittel für Förderschulen
///In Österreich wird aktuell wieder lebhaft über Inklusion und Sonderschulen diskutiert. Eine Kolumne in der renommierten Zeitung Der Standard fordert konsequente Politik:
///Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hat neben der Problematisierung von Migration ein neues Thema gefunden. Im Windschatten der Partei AfD fordert er den Rückbau der inklusiven Bildung. Neuerdings nennt er das „Pragmatismus“. Die Beschulung an Förderschulen sei billiger. In einer Diskussionsrunde mit Fachleuten konnte er damit nicht punkten: Zu wenig Fachwissen, wie sich zeigte:
SWR
Boris Palmer fordert mehr Pragmatismus mit "Sonderschulen"
///Warum müssen Kinder in Deutschland nach vier Jahren die Schule wechseln? Der ehemalige Schulleiter Reinhard Stähling hat in Münster eine inklusive Primusschule aufgebaut, in der Schülerinnen* mindestens bis zur zehnten Klasse bleiben können. Die Erfahrungen sind so gut, dass er nun für dieses Schulmodell streitet:
der Freitag (Paywall)
Pädagoge Reinhard Stähling über Inklusion: "Wir haben zu helfen"
///Schülerinnen* mit Autismus stoßen in allen Schulformen auf große Schwierigkeiten. Für manche könnten Online-Schulen eine Option sein – wenn sie von den Ländern akzeptiert bzw. angeboten würden. Ein Erfahrungsbericht:
///Eine Schülerin aus Bremen kämpft für ein inklusives Schulsystem. Dafür hält sie Reden, tritt in Diskussionen an und hat den Bremer Schüler:innenrat für Inklusion mitgegründet:
///Am Welt-Down-Syndrom-Tag sind in Köln 350 Menschen durch die Stadt gezogen, um für Vielfalt und Inklusion zu demonstrieren. Die Vorsitzende von Down Syndrom Köln, Kathrin Schultze-Gebhardt, weist im Interview darauf hin, wie schwer den Menschen mit kognitiven Einschränkungen immer noch die Inklusion gemacht wird:
Kölnische Rundschau (Paywall)
Von einer inklusiven Gesellschaft sind wir noch weit entfernt
///Wie unglaublich schwer es vielen Menschen mit Behinderung gemacht wird, zeigt ein aktueller Dokumentarfilm von Mareike Müller. Absolute Seh-Empfehlung!