2009 hat sich Deutschland mit der Ratifizierung der UN-BRK dazu verpflichtet, ein inklusives Schulsystem aufzubauen. Trotzdem ist Inklusive Bildung noch lange keine Realität in Deutschland. Hier berichten wir anhand einer Auswahl kommentierter Medienbeiträge jeden Monat, was in Deutschland zum Thema inklusive Bildung passiert.
/// Lange Jahre hat die Schulpolitik einfach zugesehen, wie immer mehr Kindern ein sonderpädagogischer Förderbedarf bescheinigt wurde. Genau genommen hatte das auch bequeme Nebeneffekte. Die zusätzlich etikettierten Kinder trugen dazu bei, dass die Inklusionsquote sich dekorativ nach oben neigte, ohne dass die Förderschulen ihre Schülerinnen* verloren. Dabei hat sich offenbar niemand Gedanken gemacht, woher all die Sonderpädagoginnen* kommen sollen, auf deren Förderung diese Kinder Anspruch haben. Jetzt droht in ersten Regionen der Kollaps des sonderpädagogischen Systems.
Die Stadt Duisburg zum Beispiel will zusätzliche Förderschulen bauen und gleichzeitig in allen Grundschulen Gemeinsames Lernen anbieten. Nur weiß niemand, woher dafür die notwendigen Lehrkräfte kommen sollen, geschweige denn Sonderpädagoginnen*. Schon heute muss so manche Duisburger Grundschule das Gemeinsame Lernen ohne eine einzige Sonderpädagogin* bewältigen. Die Stadt Bielefeld plant, eine Förderschule Geistige Entwicklung zu gründen. Bielefelder Förderschul-Eltern protestieren bereits gegen die Absicht, für diese neue Schule Lehrkräfte aus den anderen Förderschulen in der Stadt abzuziehen. Das ist sehr verständlich. Nur stellt sich die Frage: woher sollen sie sonst kommen?
Medienschau Februar
Versäumnisse
///Anlässlich des Internationalen Tages der Bildung am 24. Januar warnt die Aktion Mensch vor gravierenden Versäumnissen beim Ausbau eines inklusiven Bildungssystems in Deutschland. Obwohl inklusive Bildung ein völkerrechtlich verankertes Menschenrecht ist, bleibt sie für viele Schüler*innen mit Behinderung weiterhin unerreichbar.
EU-Schwerbehinderung
Zu wenig Teilhabe: Inklusion im Schulalltag kommt nicht an
///Im Kommunalwahlkampf haben in Köln die Vertreter innen*aller großen demokratischen Parteien versprochen, für die Verbesserung der inklusiven Bildung in Köln aktiv zu werden. Jetzt läd der Elternverein mittendrin e.V. zu einer Veranstaltung ein, um mit den Mitgliedern im neuen Stadtrat konkrete Maßnahmen zu diskutieren.
mittendrin e.V.
Veranstaltung: Köln kann inklusive Bildung! - Teil 2
/// Im Vorfeld der Veranstaltung haben Eltern, Schülerinnen* und Lehrkräfte abermals vor der Sitzung des Schulausschusses im Rat der Stadt Köln demonstriert.
///In Nordrhein-Westfalen werden immense Summen in den Bau zusätzlicher Förderschulen gesteckt, während für inklusive Bildung nie Ressourcen da sind. Eine Kommunalaufsichtsbeschwerde sorgt nun endlich für Diskussion:
WDR
Neue Förderschulen trotz Inklusion: Beschwerde gegen weiteren Ausbau
///Zwei Beschwerden gegen denselben Kostenträger, der einerseits viel Geld für zusätzliche Förderschulen ausgeben will, andererseits aber bei der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung kräftig sparen will. An diesem Punkt fühlt man sich an den Grundsatz der sparsamen und wirtschaftlichen Haushaltsführung gebunden, beim Förderschulbau offenbar nicht.
WDR
Behindertenhilfe in Geldnot: Noch immer keine Einigung mit dem LVR
///In Bremen haben sich Inklusionsforscherinnen* aus dem deutschsprachigen Raum zu ihrer Jahrestagung getroffen. Auch im Stadtstaat wünschen sich Eltern und Experten, dass die Forschungserkenntnisse über gute inklusive Schule in der Praxis ankommen:
buten un binnen
Was Eltern und Schüler an der Inklusion in Bremen kritisieren
///Das Aus für die Förderschule Lernen ist in Mecklenburg-Vorpommern anhaltend in der Diskussion. Eltern von Förderschülerinnen* vermissen die Qualität in den inklusiven Schulen. Jetzt will die Landesregierung separate Förderklassen an allgemeinen Schulen zulassen.
NEWS4TEACHERS Das Bildungsmagazin
Förderschulen bis 2035 abbauen, Förderklassen erhalten? Breite Zustimmung
///Das Land bemüht sich, Vorschul- und Grundschulkindern Zeit für ihre Entwicklung zu geben, anstatt sie frühzeitig zu etikettieren. Die Feststellung sonderpädagogischer Förderbedarfe soll erst in den späteren Grundschuljahren erfolgen. Daran gibt es schon länger Kritik vor allem von Sonderpädagoginnen*. Jetzt äußert sich auch die Landesschülerinnen*vertretung skeptisch. Diese, überwiegend Gymnasiastinnen*, sorgen sich, dass Kinder zu spät gefördert würden, wenn es keinen offiziellen Bescheid über ihre Einschränkungen gebe. Was sagt uns das über die Schulerfahrungen der Schülervertreterinnen*?
SWR
Ein Jahr Förderschulordnung: „Wir verlieren wertvolle Zeit“
///Der Lehrerinnen*Verband stört sich daran, dass immer mehr Schulbegleiterinnen* in den Klassen arbeiten. Gleichzeitig meint er, dass der Bedarf noch lange nicht gedeckt sei. Die Schulen selbst müssten über mehr Personal verfügen:
NEWS4TEACHERS Das Bildungsmagazin
Immer mehr Schulbegleitungen – und trotzdem zu wenig: BLLV für Systemwechsel
///Die Landesregierung will ideologisch sparen. Gesamtschulen droht die Kürzung von Lehrerinnen*stellen für integrierten Unterricht. Das untergräbt die Bildungsqualität vor allem in benachteiligten Regionen und es gefährdet die inklusive Bildung für Schülerinnen* mit Behinderung:
///Die Stadt Oldenburg arbeitet weiter an der Entwicklung der Inklusion in ihren Schulen. Auf einem Fachtag wurde am Inklusionskonzept gefeilt und die Lehrkräfte der Oldenburger Schulen zur Mitarbeit ermuntert:
///Die Stadt Duisburg will alle ihre Grundschulen zu inklusiven Schulen machen. Die Stadt kämpft mit immensen Anstiegen bei den sonderpädagogischen Förderbedarfen, insbesondere im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung. Zwei zusätzliche Förderschulen sind in Planung. Dabei liegt gerade in der alten Stahlstadt mit ihrer verarmten Bevölkerung der Verdacht nahe, dass Kinder mit Schulschwierigkeiten nicht unbedingt eine Behinderung haben, sondern unter ihren Lebensverhältnissen leiden. Im Stadtrat gab es nun heftige Debatten, weil schon die jetzigen Grundschulen des Gemeinsamen Lernens mit viel zu wenigen Sonderpädagoginnen* auskommen müssen.
WAZ
Neue Inklusionsziele an allen Grundschulen: Massive Kritik an Plänen in Duisburg (Paywall)
///Auch die Stadt Solingen will ab dem kommenden Schuljahr alle ihre Grundschulen zu inklusiven Schulen machen. Die zuständige engagierte Schulaufsicht will den Familien mit der Ausweitung des Gemeinsamen Lernens die inklusive Bildung für's Kind leichter machen. Dann müsse kein Kind mehr die Grundschule wechseln, wenn ein sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt werde.
Solinger Tageblatt
Gemeinsames Lernen ist ab Sommer in allen Solinger Grundschulen möglich (Paywall)
///Wie wenig die Inklusion bei schulpolitischen Vorhaben mitgedacht wird, zeigt sich auch bei der neuen Ganztagsgarantie. Kinder, die eine Schulbegleitung brauchen, müssen für die Unterstützung in den Ganztagsstunden einen zweiten Antrag stellen – und nach Einkommensprüfung der Eltern die Begleitung gegebenenfalls selbst bezahlen:
taz
Ganztagsbetreuung in Schleswig-Holstein: Bürokratie statt Begleitung
///Ein Gymnasialdirektor aus Baden-Württemberg erteilt dem traditionellen Konzept der möglichst homogenen Lerngruppen eine deutliche Absage: „Auslese erzeugt Übersicht, aber keine Exzellenz.“ Er ist der Meinung, dass eine Schule, die die Schwächsten mitnimmt, automatisch besser für die Stärksten wird.
NEWS4TEACHERS Das Bildungsmagazin
Schule der Zukunft: „Inklusion ist kein Sozialprojekt für wenige, sondern Qualitätsmerkmal eines leistungsfähigen Bildungssystems“
///Florian Lintz ist Bildungsfachkraft an der TH Köln. Er beschreibt, wie schwierig der Weg aus den Institutionen der Behindertenhilfe in die Mitte der Gesellschaft ist.
///Das Bündnis Gemeinschaftsschule in Bayern veranstaltet am 24. und 25. April eine Fachtagung zur inklusiven Schulentwicklung. Hier geht's zu den Informationen: