2009 hat sich Deutschland mit der Ratifizierung der UN-BRK dazu verpflichtet, ein inklusives Schulsystem aufzubauen. Trotzdem ist Inklusive Bildung noch lange keine Realität in Deutschland. Hier berichten wir anhand einer Auswahl kommentierter Medienbeiträge jeden Monat, was in Deutschland zum Thema inklusive Bildung passiert.
/// Die Bildungsdebatte gerät zunehmend unter den Einfluss magischen Denkens. Ein Beispiel: Lernstandserhebungen und Datensammlungen über Bildungsverläufe. Das Messen und Wiegen wird ernsthaft als bahnbrechendes Projekt für mehr Lernerfolg in deutschen Schulen beworben. Das ist in etwa so plausibel wie der Glaube, dass eine Diät umso mehr Gewichtsverlust bewirken würde, je öfter man sich dabei auf die Waage stellt. Die ganze Datensammelei ist eben kein Ersatz für notwendige Maßnahmen, unsere Schulen pädagogisch und personell zukunftsfähig zu machen.
Auch sehr beliebt ist die Aussage, dass die Inklusion in den Schulen gestoppt, zurückgebaut oder verschoben werden müsse, solange der Mangel an Lehrkräften die Schulen belastet. Aktuell wurde dieser Ratschlag vom neu zusammengesetzten Landeselternrat in Brandenburg veröffentlicht. Ganz offensichtlich leben solche Ratgeber mit der Anmutung, dass Schülerinnen* mit Behinderung sich irgendwie auflösen, wenn sie aus den allgemeinen Schulen verschwinden.
Hierzu ein kleiner Info-Service der Eule: Wenn Schülerinnen* mit Behinderung nicht auf allgemeine Schulen gehen, dann besuchen sie Förderschulen. Auch da brauchen sie Lehrkräfte, statistisch belegt sogar erheblich mehr Lehrkräfte.
Medienschau März
Mehr Diagnosen 1
///Und jedes Jahr werden es mehr: Nach den neuesten Zahlen der nordrhein-westfälischen Statistikbehörde hatten im vergangenen Schuljahr ungefähr 172.000 Schülerinnen* im Land einen sonderpädagogischen Förderbedarf, das ist fast doppelt so viel wie vor 20 Jahren. Warum das so ist, fragt der WDR nicht. Dafür bewirbt er im Artikel seinen Podcast, in dem das Konzept Förderschule beworben wird:
WDR
Zahl der Kinder mit Förderbedarf in NRW erneut gestiegen
///Die Regionalzeitung WAZ dagegen wundert sich: Wie kann das sein, dass es immer mehr Schülerinnen* mit Behinderung gibt? Eine Antwort bekommt die Zeitung nicht. Die Gründe für den Anstieg lägen „im Dunkeln“.
WAZ
Immer mehr Schüler in NRW haben Förderbedarf - aber keiner weiß, warum
///Weil die Zahlen so stark steigen und die Qualität inklusiver Schulen nur noch wenig vorankommt, wird in NRW das Förderschulsystem sogar noch durch zusätzliche neue Schulen erweitert:
///Die UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet alle staatlichen Akteure, aktiv an der Umsetzung der Inklusion mitzuwirken. Auch die Kommunen sind direkt angesprochen. Das Deutsche Institut für Menschenrechte hat nun zusammen mit der Uni Siegen Handlungsempfehlungen für eine kommunale Inklusionspolitik vorgelegt:
Deutsches Institut für Menschenrechte
Die UN-Behindertenkonvention in den Kommunen umsetzen
///In der Stadt Köln werden die Bedingungen für inklusive Bildung schlechter, doch Rat und Verwaltung fühlen sich nicht zuständig. Die Kölnische Rundschau interviewt Eltern, die seit zwei Jahren bei fast jeder Sitzung des Schulausschusses vor dem Rathaus demonstrieren:
///Der Elternverein mittendrin e.V. hat auf einer Veranstaltung zur Diskussion gestellt, was der neugewählte Stadtrat jetzt für inklusive Bildung tun kann.
Kölner Stadt-Anzeiger
Inklusion ist kein „nice to have“, sondern sollte die Regel sein
///Auch die Lebenshilfe Köln will endlich mehr und bessere inklusive Bildung in den Kölner Schulen. Sie hat mit einem Stand auf der Bildungsmesse didacta für Inklusion geworben und dafür einen Fachtag organisiert:
///Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (NRW) ist Träger von Förderschulen für körper- und sinnesbehinderte Schülerinnen*. Hier hat er einen anschaulichen Film veröffentlicht, wie Inklusion auch mit schwerer und mehrfacher Behinderung an einem Gymnasium gelingen kann. Eigentlich schade, dass dieses Wissen nicht viel mehr Schülerinnen* der LWL-Förderschulen zu Gute kommt. Dann könnte der LWL auf die vielen geplanten Erweiterungen seiner Förderschulen verzichten.
///Das Rechercheportal correctiv beschäftigt sich mit der stark steigenden Anzahl von Schülerinnen* mit Autismus, und mit der Tatsache, dass immer mehr Schülerinnen* mit dieser Diagnose nur stundenweise, nur unregelmäßig oder gar nicht beschult werden:
///Das Deutsche Schulportal trägt darüber hinaus Erkenntnisse zusammen, wie Schülerinnen* mit Autismus in die Schulen integriert werden können und stellt Beispiele von Schulen vor, die das tun:
Deutsches Schulportal der Robert Bosch Stiftung
Kinder im Autismus-Spektrum: Wie kann Schule sie unterstützen?
///Das Land Hessen zieht Personal ausgerechnet von Schulen ab, die Schülerinnen* mit Benachteiligungen und Behinderung unterrichten. Und wir dachten, Schulpolitik sei dazu da, für mehr Bildung zu sorgen.
///Kein Land schickt mehr Schülerinnen* auf Förderschulen als Sachsen-Anhalt. Lange Jahre hat das (fast) niemand dort als Problem gesehen. Das scheint sich nun endlich zu ändern:
mdr
Förderschule oder Regelschule? Zwei Familien und die schwierige Entscheidung
///Der Landeselternrat hat vorgeschlagen, wegen des Lehrkräftemangels die Inklusion in den Schulen abzubauen und wieder mehr auf Förderschulen zu setzen. Es regt sich heftiger Widerspruch:
Nordkurier
„Weisen wir entschieden zurück“: Experten kritisieren den Landeselternrat
///Das Land wollte von Schleswig-Holstein lernen und blinden Schülerinnen* eine gute inklusive Bildung am Wohnort ermöglichen. Dafür sollte die Blindenschule zum Kompetenzzentrum werden, das für ihre Schülerinnen* die Inklusion im ganzen Land vorantreibt. Die neue Landesregierung dreht die Pläne nun zurück. Die Blindenschule bleibt wie sie ist und die blinden Schülerinnen* müssen weiter stundenlange Schulwege auf sich nehmen:
mdr
Bildungsminister steht „ohne Wenn und Aber“ zum Förderzentrum in Weimar
///Die WELT-Autorin Josefine Gauck hat Gründe, warum sie für ihre fast blinde Tochter inklusive Schulbildung will. Um das zu verwirklichen, musste sie Widerstände überwinden. Hier trägt sie zusammen, was es für eine inklusive Entwicklung unseres Schulsystems braucht:
WeLT
„Zu fit für die Sonderschule, ein perfektes Kind für die Inklusionsschule“, sagte man uns
///In Sachsen-Anhalt, so die Prognosen, könnte die AfD nach der Landtagswahl die Regierung übernehmen. Das könnte gerade auch für die Schulen erhebliche Folgen haben:
DIE ZEIT
Das Deutschland, von dem die AfD träumt, beginnt in der Schule (Paywall)
///Der Kanton Aargau will eine Schülerin mit schwerer Mehrfachbehinderung zwangsweise an eine Sonderschule umsetzen – obwohl es sich an der Grundschule wohlfühlt und obwohl die Kinderrechtskommission der UNO den Fall bereits verhandelt und die Zwangs-Umschulung verboten hat:
SRF
Behinderte 10-Jährige: Aargau will sich UNO-Entscheid widersetzen
///Allgemein gibt es in der Schweiz Kräfte, die inklusive Schulen gern abschaffen und die Schülerinnen* wieder in Sonderschulen zwingen möchten. Der Bildungsbericht konstatiert nun: Das würde nicht nur sehr viel Geld kosten, sondern allein am Personalmangel scheitern.
Tagesanzeiger
Die Inklusion steht unter Druck – doch für eine Rückkehr zur Sonderschule fehlt das Lehrpersonal (Paywall)
///Der Bundestag streitet darüber, ob man wissen will, wie viele Schwangere inzwischen den von der Krankenkasse finanzierten vorgeburtlichen Test auf Trisomien durchführen lassen. Da fragt man sich: Was ist so schlimm daran, Daten zu erheben? Gibt es für Volksvertreterinnen* ein Recht auf Nichtwissen? Als der Test 2022 in die Krankenkassenfinanzierung genommen wurde, waren sich noch alle Abgeordneten einig, dass dies auf keinen Fall durch die Hintertür zu einem Screening von Ungeborenen auf Trisomien führen dürfte. Inzwischen weisen erste Untersuchungen von Krankenkassen daraufhin, dass genau dies passiert: Mehr als die Hälfte aller Schwangeren lässt den Test durchführen. Von einer Beschränkung auf Risikoschwangerschaften kann längst keine Rede mehr sein: