2009 hat sich Deutschland mit der Ratifizierung der UN-BRK dazu verpflichtet, ein inklusives Schulsystem aufzubauen. Trotzdem ist Inklusive Bildung noch lange keine Realität in Deutschland. Hier berichten wir anhand einer Auswahl kommentierter Medienbeiträge jeden Monat, was in Deutschland zum Thema inklusive Bildung passiert.
/// Politische Themen werden neuerdings von den Parteien darauf abgeklopft, ob sie „Verhetzungspotenzial“ haben. Gemeint ist damit, ob sie sich eignen, von Rechtsextremen instrumentalisiert zu werden. Bei Themen mit Verhetzungspotenzial, so heißt es dann, muss man vorsichtig sein und bloß nicht zu viel Fortschritt wagen. Neue Regeln für Barrierefreiheit? Vorsicht, sonst geraten die Menschen mit Behinderung ins Fadenkreuz der Rechten! Kostensteigerungen in der Eingliederungshilfe? Zur Not die Rechte einschränken, sonst könnte das Sozialneid triggern! Maßnahmen für inklusive Bildung? Bloß die Finger weg!
So beeinflusst die AfD die Politik und damit unsere Gesellschaft, obwohl sie gar nicht an der Macht ist – und bereitet einem weiteren Aufstieg der Rechtspopulisten gleichzeitig den Boden. Natürlich soll über den effektiven Einsatz staatlicher Ressourcen gestritten werden, gerade wenn's mal knapp wird. Unterm Strich muss aber die Richtung stimmen, für den Zusammenhalt der Gesellschaft und eine positive Gestaltung der gemeinsamen Zukunft. Mit sozialer Kälte, inhaltsleeren Kürzungen und einem Verzicht auf gesellschaftlichen Fortschritt wird man den rechtspopulistischen Angriff nicht abwehren. Nur eine solidarische Gesellschaft mit positiven Zielen wird das schaffen.
Medienschau Mai
Protesttag
///Zum Europäischen Protesttag der Menschen mit Behinderung fordert der Behindertenbeauftragte der CDU-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen mehr Anstrengungen für Inklusion – auch in den Schulen. Das freut uns, aber es ist auch ein bisschen verwirrend: Erinnert sich jemand, welche Partei die Landesregierung in dem Bundesland führt?
///In Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention ist die inklusive Bildung als Ziel der internationalen Staatengemeinschaft festgelegt. Damit das auch JEDE* verstehen kann, hat die Landesarbeitsgemeinschaft Gemeinsam leben – gemeinsam lernen aus Baden-Württemberg den Artikel in Leichte Sprache übersetzt.
LAG - Landesarbeitsgemeinschaft Baden-Württemberg Gemeinsam leben - gemeinsam lernen e.V.
///Die Vorschläge für Kürzungen in der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung sorgen weiter für Angst und Proteste. Schon heute erleben viele Eltern die Beantragung einer Schulbegleitung als zähen und immer wiederkehrenden Kampf. Für die Kinder geht es nicht selten um das Recht auf Schulbesuch.
tagesschau.de
Sparkurs bei Inklusion: Wenn das Geld für Emils einzige Stütze in der Schule fehlt
///Vor zwei Jahren hat der Berliner Senat bei einer Untersuchung herausgefunden, dass die unglaubliche Zahl von 2.800 Kindern und Jugendlichen mit Behinderung nicht beschult oder kurzbeschult wird. Warum wird nicht gehandelt?
taz
Inklusion an Schulen: Senat lässt Kinder mit Behinderung im Stich
///In Berlin tritt ein breites Bündnis aus Schülerinnen*- Eltern-, Lehrerinnen* sowie Inklusions-Vertreter*innen unter dem Motto „Gute Schule für alle“ für Bildungsgerechtigkeit und Inklusion in Schulen an – diese seien zentral für das Vertrauen in unsere Demokratie:
taz
Mehr Inklusion gefordert: Bündnis für eine gerechtere Schule gründet sich in Berlin
///In Sachsen-Anhalt drohen mit einem möglichen Wahlsieg der AfD Abrissarbeiten im Schulsystem, nicht nur bei der Inklusion. Eine Montessori-Grundschule in Halle geht an die Öffentlichkeit, aus Sorge um ihr Modell des Gemeinsamen Lernens. Gleichzeitig propagiert sie, dass Kinder mit schwereren Behinderungen besser Förderschulen besuchen sollten. Unterm Strich ist die Botschaft in Richtung der AfD: Verschont uns, wir sind doch nur ein kleines bisschen inklusiv. Für einen wirksamen und geeinten zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen das drohende Schleifen von Grundrechten muss man hier wohl schwarz sehen.
Du bist Halle
„Wer ist hier behindert?“ – Warum Inklusion für die Montessori-Grundschule gelebter Alltag ist
///Auch in Mecklenburg-Vorpommern führt die AfD in Wahlumfragen. Auch hier versucht die demokratische Mitte ihr Heil darin, möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Aus Angst vor Protesten hat die Landesregierung das geplante Aus für die Förderschule Lernen gestreckt und zum Teil zurückgenommen. Die Förderschulen dieses Förderschwerpunkts sollen mit den anderen Schulformen „verbunden“ werden. Bis übers Jahr 2035 hinaus sollen separate Förderklassen für den Förderschwerpunkt Lernen garantiert werden. Zur Einordnung: Hier geht es um Schülerinnen*, die fast überall in Europa gar kein Fall für die Sonderpädagogik sind, sondern zur allgemeinen Schülerinnen*schaft gezählt werden.
Ministerpräsidentin des Landes Mecklenburg-Vorpommern
///Nordrhein-Westfalen plant Änderungen an der Lehrkräfteausbildung. Sonderpädagoginnen* sollen nur noch ein Fach studieren statt wie bisher zwei. Dafür soll das Studium der Diagnostik größeren Raum einnehmen. Auch Regelschullehrkräfte sollen sich im Studium mehr mit Diagnostik und Förderung beschäftigen. Die Bildungsjournalistin Brigitte Schumann befürchtet eine weitere Sonderpädagogisierung des Schulsystems.
bildungsklick
NRW betreibt „Sonderpädagogisierung“ der Lehrerausbildung!
///Warum kommen wir mit der inklusiven Entwicklung der Schulen nicht voran? Warum ist die Diskussion über Inklusion so festgefahren? Und warum hat die inklusive Bildung einen schlechten Ruf? Das diskutiert Raúl Krauthausen „Im Aufzug“ mit Eva-Maria Thoms vom Elternverein mittendrin e.V..
Im Aufzug - Der Podcast mit Raúl Krauthausen
Im Aufzug mit Eva-Maria Thoms (mittendrin e.V., Expertin für inklusive Schule)
Warum scheitert die Inklusion in deutschen Schulen?
///Eine Reportage in der ZEIT feiert hoch engagierte Lehrerinnen* einer Förderschule für Schülerinnen* mit Verhaltensschwierigkeiten. Sie zeigt, welchen pädagogischen Einsatz diese Jugendlichen brauchen. Sie erklärt nicht, warum diese Arbeit – bei vergleichbarer Personalausstattung – nicht auch an allgemeinen Schulen möglich sein soll.
///Dass unser Schulsystem keine guten Ergebnisse erzielt und viele Schülerinnen* zurücklässt, zeigen Vergleichsstudien wie PISA und IQB mit unschöner Regelmäßigkeit. Was sollte man tun? Noch mehr Daten erheben, schlagen einige Wissenschaftler vor. Sie haben Bund und Länder überzeugt, elektronische Schüler-IDs einzuführen und flächendeckend Längsschnittdaten über Bildungsverläufe auszuwerten. Das wird sehr viel Geld kosten. Aber wird es auch helfen?
///Vieles an der aktuellen öffentlichen Diskussion um inklusive Bildung ist völlig geschichtsvergessen. Der Aktivist Raúl Krauthausen wirft mit seiner persönlichen Erfahrung im WDR-Gespräch die Frage auf: Warum wird inklusive Bildung immer wieder angezweifelt, obwohl einzelne Schulen schon seit 40 Jahren zeigen, wie gut die Ergebnisse sind?
///Die Partei AfD lebt politisch vom Ressentiment vor allem gegen Minderheiten. Das Deutsche Institut für Menschenrechte hat in einer Analyse herausgearbeitet, wie stark dabei die Anleihen an nationalsozialistischer Propaganda sind:
Deutsches Institut für Menschenrechte
Die AfD – eine Gefahr für Menschen mit Behinderungen
///Wie die AfD dabei in den Parlamenten agiert, zeigt ein Antrag, der zur Zeit im Berliner Abgeordnetenhaus auf der Tagesordnung steht. Darin bedient sich die Partei zum Teil bis in die Wortwahl hinein an der Inklusionsskepsis von Parteien der Mitte, nur um dann noch ein Stückchen weiter zu gehen. Im Ergebnis wäre für Schülerinnen* mit Lernschwierigkeiten das Recht auf inklusive Bildung erledigt.
Parlament Berlin
Inklusion mit Augenmaß – Förderschul-Garantie-Gesetz
///Dieser Debattenbeitrag unter Mitwirkung Berliner Bündnis für schulische Inklusion beleuchtet explizit, was eine AfD-Bildungpolitik für Familien behinderter Kinder bedeuten würde.
Berliner Mischung - Debatten zur Berliner Bildungspolitik
Wie die Berliner AfD Kinder sozial isolieren möchte
///Die Gefahr von Misshandlung und Missbrauch von Kindern und anderen Schutzbedürftigen ist immer dort besonders groß, wo wenig Öffentlichkeit stattfindet. Und immer wieder werden Fälle bekannt, in denen über Jahre niemand den Beschwerden wirksam nachgegangen ist.