2009 hat sich Deutschland mit der Ratifizierung der UN-BRK dazu verpflichtet, ein inklusives Schulsystem aufzubauen. Trotzdem ist Inklusive Bildung noch lange keine Realität in Deutschland. Hier berichten wir anhand einer Auswahl kommentierter Medienbeiträge jeden Monat, was in Deutschland zum Thema inklusive Bildung passiert.
/// In der schulpolitischen Debatte um Inklusion sind der Elternwille und das Elternwahlrecht zu zentralen Begriffen geworden. Wann auch immer jemand mehr Anstrengungen für und eine planvolle Entwicklung der inklusiven Bildung fordert, verweisen die Verantwortlichen auf den Elternwillen. Dieser gehe nun einmal in Richtung Förderschule, wie man an den steigenden Anmeldezahlen an dieser Schulform sehen könne. Das Problem: bisher hat sich in den Landesregierungen und Kommunalverwaltungen niemand die Mühe gemacht, die Eltern selbst zu befragen. Warnungen, dass Anmeldezahlen allein kein guter Nachweis sind, welche Schulform Eltern wirklich wünschen, wollte man nicht hören.
Jetzt stellt sich heraus: Dass Eltern eine getrennte Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung wünschen, ist eine grobe Fehleinschätzung. Mit der aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Menschenrechte liegt erstmals eine große bundesweite Elternbefragung mit wissenschaftlichen Methoden vor. Das Ergebnis: Mehr als 80 Prozent der Eltern behinderter Kinder finden es gerade nicht gut, dass Kinder mit und ohne Behinderung getrennt beschult werden. Ganze zwei Drittel der Förderschuleltern geben an, dass sie sich sicher oder wahrscheinlich für eine inklusive Beschulung entschieden hätten – wenn sie dafür ein gutes Angebot gefunden hätten, mit guter Ausstattung und guter Praxis.
Die hohen Anmeldezahlen an Förderschulen sind also nicht Ausdruck des Elternwillens, sondern hausgemacht. Sie sind der Nachweis, dass zu wenig für ein gutes Angebot inklusiver Schulen getan wird. Eine Politik, die immer noch in erster Linie auf die Förderschule setzt und die inklusive Entwicklung vernachlässigt, richtet sich also nicht nach dem Elternwillen. Sie arbeitet gegen den Elternwillen.
Medienschau Juni
Elternwille 1
///Erstmals gibt es eine große bundesweite Befragung von Eltern, warum sie ihr Kind an einer Förderschule oder an einer inklusiven Schule angemeldet haben – und wie es dazu kam. Es geht um ein schlechtes Angebot an inklusiver Bildung, um die hohe Belastung von Eltern für den inklusiven Weg und um Beratung mit Schlagseite:
NEWS4TEACHERS
Eltern wollen Inklusion, Bedingungen (unter Druck) treiben sie aber an Förderschulen
///Solange inklusive Schulen nicht gut ausgestattet und entwickelt sind, kann von einem Elternwahlrecht keine Rede sein. Das Deutsche Institut für Menschenrechte veröffentlicht hier seine komplette Studie mit allen Zahlen, mit Factsheets zu zentralen Fragestellungen und einem einordnenden Interview. Es geht um die Wünsche der Eltern zur Beschulung ihrer Kinder mit Behinderungen, um die zusätzliche Belastung der Eltern auf dem inklusiven Weg und um Beratung mit Schlagseite:
Deutsches Institut für Menschenrechte
Inklusive Bildung zwischen Wunsch und Wirklichkeit
///Wenn inklusive Schule für Kinder mit Schwerbehinderung gelingt, kann man sicher sein, dass besonders engagierte Einzelpersonen beteiligt sind. Und dahinter stehen meist Eltern, die bereit sind, die Extrameile zu gehen.
Aachener Zeitung
Mit Downsyndrom: Tim (9) gelingt dank „Ersatzmama“ Anne Rüben (39) Alltag in Herzogenrather Grundschule
///Jeder Einzelfall untermauert die Erkenntnisse der Studie des Deutschen Instituts für Menschenrechte. Hier geht es um den Kampf einer Mutter, dass ihr Kind die Schule überhaupt besuchen darf…:
Sächsische.de
„Aufgeben ist keine Option“: Wie eine Mutter kämpft, damit ihr Sohn in die Grundschule gehen darf (Paywall)
///Die Hamburger Bildungs- und Familienbehörde teilt kurz vor den Sommerferien mit, dass sie bei Schulbegleitungen neue Regeln setzen will: Weniger Stunden, weniger Fachkräfte. Sie tut dies, ohne vorher die Eltern oder die vom Senat benannte Expertinnen*-Kommission zur Schulbegleitung zu hören. Die Linke im Senat protestiert:
tixio
Linke wirft Senat Kürzungen bei Schulbegleitungen vor
///Die Förderschulen für Geistige Entwicklung im Kreis Groß-Gerau sind voll. Die Medien stellen die Frage, ob es nicht an der Zeit sei die Bedingungen in der Inklusion zu verbessern, anstatt über den Bau weiterer Förderschulen zu beraten:
Echo Online
Inklusion verbessern, um Förderschulen zu entlasten
///Der Kreis Mettmann kooperiert mit der Universität zu Köln, um Kinder mit sozial-emotionalen Problemen besser im Übergang von der KiTa zur Schule zu begleiten:
Lokal Anzeiger Erkrath
Kreis Mettmann und Universität zu Köln fördern schulische Inklusion
///Schüler*innen der inklusiven Gesamtschule Nettetal haben einen Film über das Gemeinsame Lernen an ihrer Schule gedreht. Dafür gab es jetzt einen Preis:
Rheinische Post
Inklusionsprojekt der Gesamtschule in Düsseldorf ausgezeichnet (Paywall)
///Das Bundesland führt kurzfristig eine eigene Verordnung für die Förderschulen ein. Dabei spricht sie viel von Flexibilität, Inklusion und Kooperation der Schulen:
///Der saarländische Elternverband Miteinander leben lernen sieht dagegen in der Verordnung einen Grundstein für die Verwässerung der inklusiven Bildung und einen weiteren Ausbau des Förderschulsystems. Das Land könne bei einer konsequenten Umsetzung der eigenen Inklusions-Gesetzgebung alle in dieser Verordnung angestrebten Ziele – mehr Bildungsabschlüsse, bessere Berufsorientierung und -vorbereitung – längst in einem inklusiven Schulsystem verwirklichen. Stattdessen flössen finanzielle Mittel ins Förderschulsystem, die in den inklusiven Schulen fehlen:
///Im Freistaat werden aktuell mehr und mehr inklusive Regionen ausgerufen. Das verwundert und kann in der Tat beim Thema Schule nicht mehr als eine Absichtserklärung sein, wenn man sich die schlechten bayerischen Inklusionsstatistiken ansieht. Da wird doch hoffentlich keine Schaufensterpolitik betrieben?
Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus
///Das Phänomen der ständig steigenden Zahl von Schülerinnen* mit sonderpädagogischem Förderbedarf erreicht zunehmend öffentliche Aufmerksamkeit. Das Recherchekollektiv Correctiv hat die Informationen aufgearbeitet:
CORRECTIV
Neuer Höchststand bei Schülern mit sonderpädagogischer Förderung
///Die demokratischen Parteien verurteilen, dass die AfD Menschenrechte untergraben und internationale Vereinbarungen brechen wolle. Dafür ist wichtig, dass sie internationale Vereinbarungen auch selbst wichtig nehmen, zum Beispiel die UN-Behindertenrechtskonvention. Die Bildungsjournalistin Brigitte Schumann kritisiert, dass einige demokratisch geführte Landesregierungen mit ihren Bremsmanövern bei der inklusiven Bildung das Geschäft der AfD betreiben:
Bildungsklick
Wie die Bildungspolitik der AfD in die Hände spielt
///Ein Staat im Krieg kann nicht alles finanzieren. Trotzdem arbeitet die Ukraine daran, bei der Einbindung von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft voranzukommen. Zunehmend werden auch Kinder mit schwerer Behinderung in den Regelschulklassen unterrichtet.
Tagesschau
Wie die Ukraine mit Kindern mit Behinderungen umgeht