2009 hat sich Deutschland mit der Ratifizierung der UN-BRK dazu verpflichtet, ein inklusives Schulsystem aufzubauen. Trotzdem ist Inklusive Bildung noch lange keine Realität in Deutschland. Hier berichten wir anhand einer Auswahl kommentierter Medienbeiträge jeden Monat, was in Deutschland zum Thema inklusive Bildung passiert.
/// In Nordrhein-Westfalen bekommt die Landesregierung Unterstützung von den Bürgerinnen*. Weil das Schulministerium es ganz offensichtlich nicht schafft, den bereits 2022 im Koalitionsvertrag der schwarz-grünen Regierung angekündigten Aktionsplan für inklusive Bildung zu erstellen, haben das jetzt Eltern- und Selbsthilfeverbände übernommen:
In einem 40 Seiten starken Werk haben sie sechs Handlungsfelder identifiziert und 22 konkrete Maßnahmen vorgeschlagen, mit denen die inklusive Schulbildung im Land endlich vorankommen soll, in der Fläche und in guter Qualität. Das Ziel: In einem Zeitraum von zehn Jahren soll erreicht werden, dass jedes Kind mit Behinderung in NRW ein passendes gutes inklusives Schulangebot in Wohnortnähe zur Wahl hat.
Mit den bisherigen vereinzelten Maßnahmen, die immer nur viel zu kleine Pflaster auf die größten Missstände kleben, ist das nicht zu schaffen. Da hilft es auch nicht, dass Schulministerin Dorothee Feller diesen Kessel Buntes neuerdings auf der Ministeriums-Webseite als „Aktionsplan“ verkauft.
Ein anspruchsvolles Reformprojekt wie der Aufbau der inklusiven Bildung braucht ein professionelles Projektmanagement. Es braucht ein konkretes Ziel, aufeinander abgestimmte Maßnahmen, es braucht Fristen, die Benennung von Verantwortlichen, einen Finanzrahmen und eine ehrliche Evaluierung. Kurz gesagt: Es braucht politische Gestaltung statt anhaltender Huddelei.
Medienschau September
Aktionsplan 1
///Wenn die Regierung nicht liefert, dann nehmen wir die Sache selbst in die Hand: In Nordrhein-Westfalen haben Eltern- und Selbsthilfeverbände einen Aktionsplan für inklusive Bildung erarbeitet. Er wurde in der Landespressekonferenz vorgestellt:
///Dem WDR sagt das Schulministerium, dass der im Koalitionsvertrag der schwarz-grünen Landesregierung vorgesehene Aktionsplan bereits vorläge. Das ist interessant. Denn in der vergangenen Sitzung des Inklusionsbeirat des Landes NRW hat das Ministerium die Erstellung eines solchen Aktionsplans rundum abgelehnt.
WDR
Wie kann bessere Inklusion an Schulen in NRW gelingen?
///Die Rheinische Post zieht den Zusammenhang zu den vielen zusätzlichen Förderschulen, die im Land gerade geplant und gebaut werden. Und sie verweist auf die Elternbefragung des Deutschen Instituts für Menschenrechte. Darin hatte die Mehrheit der Eltern von Förderschülerinnen* angegeben, dass sie inklusive Bildung vorgezogen hätten, wenn es vor Ort ein gutes Angebot gegeben hätte.
RHEINISCHE POST
„Es geht nicht vorwärts mit der inklusiven Bildung in NRW“
///Hier das Original: Mit sechs Handlungsfeldern und 22 Maßnahmen zeigt der Vorschlag für einen Aktionsplan sehr deutlich, wie ein erfolgversprechendes Vorgehen für den Aufbau inklusiver Schulbildung aussehen könnte — und müsste:
www.mittendrin-koeln.de
Aktionsplan inklusive Bildung NRW — September 2026
///Der UNESCO-Weltbildungsbericht enthält Informationen und Länderberichte darüber, wie die Staaten bei der Bildungsteilhabe und -gerechtigkeit vorankommen. Da geht es natürlich auch um Personalressourcen, vor allem aber geht es um die Notwendigkeit von wirkungsvoller Politik und integrierter Entwicklungsplanung.
VBE Verband Bildung und Erziehung
Weltbildungsbericht bestätigt: Bildungsgerechtigkeit braucht mehr als gute Absichten!
///Auch die Bildungsgewerkschaft GEW hat erkannt, dass die offiziellen Schülerinnen*zahlprognosen der Kultusministerkonferenz viel zu hoch ausfallen. Schon heute kann man an den Geburtenziffern sehen, dass die Zahl der Einschulungen bald deutlich sinken wird. Die GEW macht sich Sorgen, dass dann Stellen für Lehrkräfte eingespart werden könnten und der Mangel weiter verwaltet wird. Wir fragen uns darüber hinaus, warum die Schulträger in vielen Bundesländern unbeirrt von den sinkenden Schülerinnen*zahlen noch mehr Förderschulen bauen.
NEWS4TEACHERS Das Bildungsmagazin
Geburtenknick: Lehrkräftemangel könnte schneller nachlassen als erwartet — Studie sieht Chance für bessere Schulen
///Der Streit um gekürzte Bewilligungen von Schulbegleitung in Hamburg geht weiter. Jetzt wurde eine Online-Petition mit mehr als 88.000 Unterschriften überreicht, die sich gegen die Kürzungen wendet:
Süddeutsche Zeitung
Mehr als 88.000 Stimmen gegen Kürzungen bei Schulbegleitung
///Ausgerechnet die Hamburger Förderschulen kämpfen mit besonders harten Bandagen, und werfen kurzentschlossen die Schulpflicht für ihre Schülerinnen* über Bord. Eltern wurden gebeten, die Kinder und Jugendlichen mit Behinderung zu Hause zu behalten, weil durch die reduzierten Schulbegleitungs-Stunden die Betreuung nicht mehr gewährleistet sei.
WELT
Zwei Hamburger Sonderschulen setzen Schulpflicht aus
///Die Bielefelder Erziehungswissenschaftlerin Birgit Lütje-Klose stellt einen Zusammenhang her zwischen der Kostensteigerung bei der Schulbegleitung und der schlechten Ausstattung des Schulsystems: Die Löcher bei Ausstattung und Entwicklung des Schulsystems werden über die Eingliederungshilfe gestopft:
NW Nachrichten
Bielefelder Forscherin: Hohe Kosten von Inklusion verweisen auf Systemmängel
///Im Wahlkampf hat die CDU gewarnt, dass ein Wahlsieg der AfD ein Ende der schulischen Inklusion bedeute. Jetzt zeigen die Zahlen: Die Inklusion zu ruinieren, hat die CDU-Regierung schon selbst geschafft.
Du bist Halle
Inklusion auf dem Rückzug: Sachsen-Anhalt schickt immer mehr Kinder an Förderschulen statt Regelschulen
///Seit Jahren behauptet die NRW-Landesregierung, dass sie sich nach dem Elternwillen richte, wenn sie eher auf Förderschulen setzt als auf den Ausbau inklusiver Bildung. Wie die waz hier berichtet, ist das ein großer Irrtum. Eltern behinderter Kinder wünschen sich Inklusion, finden aber kein gutes Schulangebot vor. Zudem würden viele Eltern die Beratungsgespräche vor der Einschulung als einseitig empfinden: Meist werde eine Förderschule empfohlen.
WAZ
Exklusion von Kindern mit Behinderung statt Inklusion: Studie rechnet mit NRW ab (Paywall)
///Die Schulministerin reagiert auf das Ergebnis dieser Befragung, indem sie im Landtag mit großer Geste den Erhalt der Förderschulen zusichert, um den Eltern ein Wahlrecht zu sichern. Kann man noch demonstrativer an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbeireden?
ntv
Förderschulen bleiben erhalten: Eltern sollen wählen können
///Inklusive Bildung wird den Eltern und den Schulen in NRW immer schwerer gemacht. Weil die Kassen leer sind, streichen die Kommunen die Unterstützung der inklusiven Bildung noch weiter zusammen. In Köln ist gegen diese Politik die gesamte Schülerinnen* und Lehrerinnen*schaft der Gesamtschule Holweide auf die Straße gegangen:
Kölnische Rundschau
Holweider Schüler gehen für Inklusion auf die Straße
///Der Schauspieler André Dietz und seine Frau Shari berichten von ihrem täglichen Bemühen um Inklusion als Familie mit einem Kind mit Pflegegrad 5. Inklusive Schule gehört nicht dazu, die halten sie für ein Kind wie ihres nicht für möglich. Es ist beschämend, wie wir als Gesellschaft diesen Familien vermitteln, dass Exklusion unausweichlich sei. Zumal die Gesamtschule Holweide (die mit der Demonstration, siehe oben) im nahegelegenen Köln schon mehrfach gezeigt hat, wie Inklusion in der Schule auch für Kinder mit schwersten Behinderungen gelingt.
iGL Bürgerportal in GL
Shari und André Dietz: Die vielen Widersprüche der Inklusion
///Im nördlichen Bundesland besuchen gleich zwei Ministerinnen zusammen mit einer Landtagsabgeordneten eine inklusive Schule und sichern Unterstützung zu. Das ist ein seltenes Signal.
HL-live.de
Ministerinnen besuchen Paul-Klee-Schule zu Inklusion
///Für Kinder im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung ist in Bayern ein Besuch der Regelschule äußerst selten und allenfalls in speziellen Kooperationsklassen vorgesehen. In Dachau haben Eltern für ihren Sohn die allgemeine Schule durchgesetzt. Jetzt verlässt der inzwischen 17jährige die Schule mit einem Jobangebot in der Tasche:
Merkur.de
Ärzte prophezeiten, er werde nie schreiben und lesen: Jetzt hat Moritz (17) aus Karlsfeld ein Jobangebot (Paywall)
///Im Freistaat reicht schon eine Gehbehinderung, um das Kind vom gemeinsamen Schulbesuch mit den Nachbarskindern auszuschließen. Hier beschreibt die Mutter, wie sie bei der Schulsuche für die Tochter vergrault und weggeschoben wurde:
Fränkischer Tag
Mutter kämpft für Inklusion: Lena darf nicht an Wunschschule (Paywall)
///Die nordrhein-westfälische Landesregierung sieht in der aktuellen Schulgesetzänderung vor, Regelungen über Mindestanwesenheitszeiten für Noten und Schulabschlüsse zu treffen. Sie sägt damit am Bildungsrecht langzeiterkrankter Schülerinnen*. Das Saarland dagegen hat neuerdings eine Verordnung, mit der eine Teilbeschulung langzeiterkrankter Schülerinnen* geregelt wird. Doch soll den Betroffenen damit auch das Erreichen von Schulabschlüssen erleichtert werden?
///Susanne Rauprich hat in einem Buch beschrieben, was mit einer Familie passiert, wenn ein Familienmitglied plötzlich eine schwere Behinderung erlebt. Sie schildert, wie die Familie durchgerüttelt wird und sich zwischen Ausnahmezustand und neuer Normalität zurechtfinden muss. Entstanden ist ein persönlicher Bericht mitten aus dem Leben, der vor allem Politikerinnen* und Sachbearbeiterinnen* dringend empfohlen sei:
imago
Das neue Buch von Susanne Rauprich Leben auf den Kopf gestellt.
///Die Uni Wuppertal untersucht die Lebensbedingungen von Eltern behinderter Kinder. Dafür werden dringend noch Teilnehmerinnen* gesucht.
Institut für Bildungsforschung
Unterstützungsangebote für Menschen mit Behinderung: Die Rolle der wahrgenommenen Zufriedenheit, der emotionalen Bewältigung und der psychischen Gesundheit von Eltern von Schüler*innen mit Behinderung